Katalognummer disrec-007

The Season Standard – Squeeze Me Ahead Of Line

cover Squeeze Me Ahead Of Line Release: 11.07.2008
Format: CD
Genre: Jazzcore / Experimental / Math / Avant-Pop / Progressive / Funk

01. A Seadog Grotesque
02. The Water Fellow
03. 12 Inches Nose Makes Disco
04. Kaira
05. Makkk
06. Xylan
07. Tisa
08. The Sheep Sheep
09. Super Push

WAS FÜR EINE POSTMODERNE SAUEREI!!!

Entschuldigen sie?

Würden sie so nett sein und ihre Hörgewohnheiten an der Garderobe abgeben? Sie werden es uns danken. Wenn sie nun bereit wären, 50 Minuten ihres Lebens in puren wunderschönen Wahnsinn zu verwandeln.

Hier sind sie also: The Season Standard. 4 junge Berliner - ohne Wunderkind-Background, ohne Jazzausbildung, ohne Modeverständnis, ohne Stylisten, ohne Industrie im Nacken – stellen mal eben jede Progressive Band in den Schatten, verzocken jede ambitionierte Rockkapelle, verblasen ungewollt jeden Electro-Frickler und könnten nebenbei noch ganz Las Vegas mit Entertainment versorgen... ungeduscht und ohne Wechselschlüpfer.
Das hier ist neue Musik, Freunde! Das hier ist die große Herausforderung 2008, Musik des 21. Jahrhunderts, die Stunde der Wahrheit: Kapieren wir, was diese Jungs da völlig aus dem Nichts hervorzaubern? Sind wir bereit, neue Maßstäbe zu akzeptieren? Müssen wir das alles überhaupt?
Für The Season Standard wäre es einfach, uns mit einem Album völlig wegzuballern, eine konsquente Weiterführung der 2006er Debut-EP „Caudle Cameo“ abzuliefern. Einer EP, die einen hohen Anteil an New School Hardcore in Verbindung mit jazzigem Weirdo-Funk aufwies und eine gewisse Nähe zu The Dillinger Escape Plan (allerdings völlig testosteronfrei) nicht leugnen konnte. Nun also für all die Fans, die auf eine Fortsetzung hofften, einen Honigkuchen-Mittelfinger.

“I hear a breeze whispering the weather changes”

Ruhig beginnt “Squeeze Me Ahead Of Line”, das in Berlin, Hannover und Schottland aufgenommen wurde - überraschend besonnen und abgeklärt für ein Full-Length-Debut. Irgendwann im gemütlichen Opener “A Seadog Grotesque” dann ein toolesquer Rockausbruch. Er verharrt weniger als 10 Sekunden und soll im weiteren Verlauf eine Rarität bleiben. Das soll nicht bedeuten, dass dieses Album ruhig ist, oh nein. Es wabbert, pulsiert und rennt fortwährend in einer ungeheuren Dynamik. Jedes Instrument ist auf einer inneren Jagd. Jedes Versatzstück hinterlässt Spuren. Jedes Element ist in heller Aufregung... und dennoch hat die Musik eine meditative gar beruhigende Wirkung.
Was zum Beispiel Drummer Simon Beyer hier auf seinem Instrument vollführt, ist nach gängigen Naturgesetzen schier unmöglich. Dieser Mann ist eine Sensation - sein Kopf mitsamt seiner geschätzten acht Arme droht jederzeit zu explodieren, so verschachtelt und unerhört ist sein Spiel. Und ja, er spielt das alles wirklich auf einem akustischen Schlagzeug.
Trotz allem schiebt sich die Rhythmusabteilung (erwähnt sei hier auch der querköpfige geschichtenerzählende Bass von Robert Koppisch) nicht muskelstrotzend und nervtötend in den Vordergrund. Sie verschmilzt mit dem fließenden Strom eines jeden Elements im TSS-Kollektiv. Sänger und Gitarrist Mathias Jähnig hält diesen Wahnsinn entspannt beisammen und gibt der bis zur Unkenntlichkeit komplexen Musik einen gewissen Popappeal. Er klingt nicht mehr nach dem wütenden schnaubenden Schreihals der EP, sondern wie eine Art junger Prince, ein durchgedrehter zynischer Timberlake. Manchmal ist sein Gesang wie eine japanische Klingelton-Werbung und dann wieder wie vier zentralafrikanische Stämme auf einmal... die meiste Zeit klingt er aber auch einfach nur hinreißend. Gitarrist und Tastenmann Daniel Scherf gibt diesem Quartett noch das abrundende Ambiente und sorgt für bewegende atmosphärische Momente.

Und schautest du dich um, so sehest du nichts als Landschaft, die Spuren wären längst verwischt...

Wie soll man nun diese Musik eingrenzen, die aus einer Heerschar vertrackter Konstrukte zusammengesetzt ist und dennoch „unverschämt leichtfüßig daherkommt“ (030 Magazin)? Genres wie Progressive, Mathrock, Pop, Jazz, Hardcore, Funk, Electronica oder die Avantgarde rangen um Geltung, um letztendlich doch eingeschnappt das Feld dem Unausgesprochenen zu räumen. Die Musik erinnert uns daran wie es ist (oder war), von Sounds überrollt und völlig eingenommen zu werden. Wie es ist, jeden Ton und jede Sekunde dieses surrealen Spektakels lechzend nachvollziehen zu wollen.

Produziert wurden diese neun Meisterwerke von Markus Reuter (Tuner, centrozoon, Ulver) und gemischt von Fabio Trentini in den Horus Studios Hannover. Ein prominenter Gastauftritt ist auf dem balladesken „Tisa“ zu verzeichnen: Trey Gunn (Ex-King-Crimson) an der Touch Guitar. Zu diesem All-Star-Team gesellt sich noch Denis Blackham, der in Schottland das Mastering übernahm und schon Größen wie Led Zeppelin, Jimi Hendrix, Talk Talk, Fennesz oder Yes den nötigen Feinschliff im Sound bescherte. A propos Sound: Schon erwähnt, dass der Klang die Kraft hat, eine Zunge vom Mund zum Boden zu befördern?

Ob diese unfassbare Band Gehör findet, ist nun eure und unsere Aufgabe. Mehr Vorarbeit geht nun wirklich nicht. Und trotz dieser schier unglaublichen Virtuosität, ist die Musik von The Season Standard immer noch eins: Auf eine verschrobene Art catchy, auf eine noch verschrobenere Art sexy und vor allem ohnegleichen. Die eigenwilligste Art einen Tanzsaal zu sprengen. Here you go!

Der emotionale Spagat

Es ist als gingen wir alle gemeinsam nach „Sing-Along-Land“...
Es ist ein wunderschöner Tag - die Sonne strahlt ganz ohne Vorbehalte, so wie wir selbst. Wir treten ein:
Und da kommt auch schon Minus, ein fast schon absurd süßes Comicgeschöpf. Und wie er so ist, so durch und durch Hund, jagt er glücksdurchdrungen einem Knochen hinterher – und ganz knapp an dir vorbei.
Doch was ist das? Dieser ohrenbetäubende, quietschende Lärm und überall Staub. AHA!
Minus versucht, durch plötzliches Innehalten der Bewegung seiner sowohl Vorder- als auch Hinterläufe, die Laufgeschwindigkeit um ein Maximum zu reduzieren. Und es gelingt! Da steht er auch schon vor dir und knuddelt dich als gebe es kein morgen.
Doch dann plötzlich passiert es: Das ganz still und leise und im hintersten Winkel ein kleiner Schmetterling zu weinen beginnt. Und immer kläglicher werden seine Laute und wie eine Krankheit verbreiten sie sich, so dass binnen Sekunden der nächste mit einstimmt – und der nächste – und nächste... bis schließlich alle Geschöpfe im „Sing-Along-Land“ und auch wir, die Besucher, nur noch weinen können – und weinen, als gebe es nur Schmerz auf der Welt.
Die Sonne indes strahlt weiter. Doch sind die Schatten der hundert winzigen Türmchen, die den Blick auf das Schloß sonst so herrlich verklären, das einzige, was für uns von ihr übrig bleibt.
Und doch strahlt sie genau wie am Anfang des Tages mit der selben Ruhe und inneren Kraft, die sie tief tief in sich verborgen hat.
Und was immer du fragst, sie wird stets dir sagen: Die Geschichte ist weder dies noch das.